Die Zukunft der Tierrechtsbewegung

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Die Zukunft der Tierrechtsbewegung

Helmut F. Kaplan

Wie sieht die Zukunft der Tierrechtsbewegung aus? Wird sie siegen oder wieder verschwinden? Wo so viele Hoffnungen und Befürchtungen im Spiel sind, empfiehlt sich eine nüchterne Analyse: Was spricht für den Erfolg der Tierrechtsbewegung, was dagegen?

Für eine erfolgreiche Zukunft der Tierrechtsbewegung sprechen zweifellos Vernunft und Moral. Niemand kann ernsthaft leugnen, daß die Tierrechtsbewegung die logische und konsequente Fortsetzung anderer – akzeptierter – Befreiungsbewegungen ist, wie etwa der Befreiung der Sklaven oder der Emanzipation der Frauen. Stets ging und geht es um das Erkennen und Überwinden von moralischen Diskriminierungen aufgrund moralisch irrelevanter Merkmale – hier: Hautfarbe, Geschlecht und Artzugehörigkeit.

Gegen einen Erfolg der Tierrechtsbewegung spricht der menschliche Egoismus. Natürlich ist es einfacher und bequemer, Tiere auszunutzen, als ihnen zu helfen. Hinzu kommt, daß die Tiere nie einen Aufstand gegen uns organisieren werden. Wir könnten sie also ewig gefahr- und straflos quälen und ausbeuten.

Wo der menschliche Egoismus im Spiel ist, haben es alle anderen Kräfte naturgemäß äußerst schwer. Zumal sich dieser Egoismus hier so elegant als moralische Fortschrittlichkeit verkaufen läßt: „Es kommt doch nicht auf jemandes Hautfarbe an, sondern darauf, daß er ein Mensch ist!“

Über der abstrakten Frage nach der Zukunft der Tierrechtsbewegung dürfen wir aber nicht die viel wichtigere – und damit zusammenhängende! – Frage vergessen: Was können wir, jeder einzelne, konkret und praktisch tun? Und hier gilt nicht nur: Wer nicht Teil der Lösung wird, bleibt Teil des Problems. Sondern vor allem auch: Wer Teil der Lösung wird, verringert das Problem!

Und das Problem hat sich auch schon verringert: Wer hätte sich vor Jahrzehnten, als Vegetarier noch wie Außerirdische angesehen wurden, träumen lassen, daß heute Veganismus in aller Munde ist!

Andererseits gibt es wohl keinen Tierrechtler, der nicht durch die lähmende Langsamkeit von wirklichen Fortschritten um den Schlaf gebracht würde. Und wenn uns schon alles viel zu langsam geht, wie geht es erst den betroffenen Tieren in ihren Todeszellen!

Die Konsequenz für den einzelnen kann nur lauten: im eigenen Bereich alles tun, was man tun kann. Und da man mehr als alles nicht tun kann, soll aus dieser Erkenntnis auch eine gewisse Gelassenheit resultieren. Mehr noch: Wir können und sollen auch durchaus einmal ausspannen, ja sogar „vergessen“ – um uns vom allgegenwärtigen Horror zu erholen und um so wieder neue Kräfte für den weiteren Befreiungskampf zu schöpfen. Die Gefahr, daß wir aufhören, „aussteigen“, besteht ohnedies nicht: Wer einmal das Leiden der Welt erfaßt und die Dankbarkeit, nicht unmittelbar davon betroffen zu sein, erlebt hat, der kann ohnehin nicht mehr ruhen. Das Verlangen zu helfen, ist unstillbar geworden.

Allerdings müssen wir uns freimachen von irrationalen und destruktiven Vollkommenheitsphantasien, das heißt von der Vorstellung, daß etwas nur dann einen Sinn hat, wenn es „vollendet“ ist oder werden kann. So wie ein schöner Tag auch dann einen Sinn hat, wenn er der letzte und nicht Teil eines schönen, „vollendeten“ Lebens ist, so hat auch das Lindern von Leiden auch dann einen Sinn, wenn es nicht ein Schritt zur endgültigen, „vollendeten“ Befreiung der Tiere ist. Leiden lindern und Glück fördern sind Werte an sich. Letztlich vielleicht die einzigen Werte überhaupt.

So ungewiß die Zukunft der Tierrechtsbewegung auch ist – eines läßt sich schon jetzt mit Sicherheit sagen: Ein Zurück hinter den heutigen Kenntnis- und Bewußtseinsstand kann und wird es nicht geben. Denn die Fakten und Argumente liegen auf dem Tisch; für immer. Die Ideen der Tierrechtsbewegung gehören zum unverlierbaren zivilisatorischen Gedankengut der Menschheit. Und sie haben dort das gleiche objektive Gewicht und denselben potentiellen Stellenwert wie jene Ideen, die zum Verbot von Menschenopfern und zur Überwindung der Sklaverei geführt haben.

Deshalb haben die entscheidenden Tatsachen und ihre unausweichlichen Konsequenzen auch gute Chancen, sich schon bald ins Bewußtsein vieler Menschen einzuprägen:

Menschen und Tiere sind einander körperlich ähnlich. Diese physische Ähnlichkeit von Menschen und Tieren wird sich umso schwerer leugnen lassen, je stärker und unverschämter sie dazu benutzt wird, um Tiere für menschliche Zwecke auszubeuten. Stichwort: Tiere als „Ersatzteillager“ für den Menschen. Wenn menschliche Organe routinemäßig durch tierliche Organe ersetzt werden, wird irgendwann auch dem letzten Hohlkopf dämmern, daß da wohl eine gewisse Ähnlichkeit vorliegen muß.

Aus der körperlichen Ähnlichkeit von Menschen und Tieren folgt eine seelische Ähnlichkeit von Menschen und Tieren. Mit der Zeit werden immer mehr Menschen erkennen, daß die psychischen Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen keine rätselhaften und einzigartigen Gaben des Himmels sind, sondern daß geistiges Leben und Erleben aufgrund körperlicher Organe und Prozesse funktioniert. Und wenn diese physischen Grundlagen psychischen Geschehens bei Menschen und Tieren vergleichbar sind, dann ist es absurd anzunehmen, daß das Seelenleben von Menschen und Tieren nicht vergleichbar ist.

Faktisch Ähnliches muß auch moralisch ähnlich bewertet werden. Es gehört zu den elementarsten Grundsätzen der Ethik, daß Gleiches bzw. Ähnliches moralisch gleich bzw. ähnlich bewertet und berücksichtigt werden muß. Ohne diese fundamentale Regel verlöre die gesamte Ethik ihre Grundlage, Glaubwürdigkeit und Anwendbarkeit. Wenn also Menschen und Tiere körperlich und seelisch ähnlich sind, dann müssen wir Menschen und Tiere auch moralisch ähnlich bewerten und berücksichtigen.

Diesen Fakten und Forderungen verschließen kann sich nur, wer nicht denken kann oder nicht moralisch sein will. Die Frage nach der Zukunft der Tierrechtsbewegung ist daher auch eine Frage nach der intellektuellen und moralischen Befindlichkeit des Menschen. Das Scheitern der Tierrechtsbewegung wäre nicht nur ein Schaden für die Tiere, sondern auch eine Bankrotterklärung für den Menschen.