Menschenrechte und Tierrechte

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Menschenrechte und Tierrechte

Helmut F. Kaplan

Wenn von Menschenrechten die Rede ist, werden viele an die feierliche „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ vom 10. Dezember 1948 denken. Ich möchte Menschenrechte hier allerdings in einem viel allgemeineren und umgangssprachlichen Sinne verstanden wissen: Menschenrechte einfach im Sinne von Rechten von Menschen – Rechten, die die Menschen haben bzw. haben sollten.

Dabei können wir das Wort „Recht“ problemlos durch „Anspruch“ ersetzen: ein Recht ist ein Anspruch auf eine bestimmte Behandlung. Menschenrechte in diesem allgemeinen und grundsätzlichen Sinne sind also beispielsweise nicht nur das Recht auf Leben und Unversehrtheit, sondern auch das Recht auf freie Berufswahl und Erziehung seiner Kinder.

Der Sinn von solchen Rechten, die wir Menschen zugestehen sollen, ist, wiederum ganz allgemein gesprochen, die Gewährleistung eines menschengerechten, eines menschenwürdigen Lebens.

Ganz analog zu solchen Menschenrechten können wir nun sinnvollerweise auch von Tierrechten sprechen: Tierrechte sind Rechte, die wir Tieren zugestehen sollen, damit sie ein tiergerechtes, ein tierwürdiges Leben führen können.

Dabei ist es natürlich mit der bloßen Verleihung von Rechten weder bei Menschen noch bei Tieren getan. Rechte müssen juristisch fixiert und praktisch umgesetzt werden, damit die Betroffenen auch etwas von ihnen haben.

Bei Menschenrechten ist diese juristische Fixierung und praktische Umsetzung längst erfolgt – zumindest prinzipiell und wenigstens in den sogenannten zivilisierten Ländern der Erde. Bei Tierrechten stehen wir hingegen erst am Beginn der ethischen Grunddiskussion. Was dieser Unterschied im Stand der Verwirklichung von Menschen- und Tierrechten in der Praxis bedeutet, ist rasch erläutert:

Wenn ich sehe, daß ein Mensch bedrängt oder bedroht wird, kann ich die Polizei zu Hilfe rufen. Wenn ich aber sehe, daß eine Taube gejagt, ein Fisch gequält oder ein Reh erschossen wird, kann ich überhaupt nichts machen. Ich muß ohnmächtig zusehen, wie diese Tiere geschunden und getötet werden. Warum? Weil Tiere de facto eben noch keine Rechte haben!

Nun wird der eine oder die andere einwerfen: Das mag ja alles zunächst ganz sympathisch und plausibel klingen. Aber bei näherem Hinsehen erweisen sich Tierrechte doch als ziemlich übertriebene und irrationale Angelegenheit. Menschenrechte sind philosophisch begründet und juristisch definiert. Aber Tierrechte sind doch letztlich nichts anderes als Hirngespinste sentimentaler oder fanatischer Spinner!

Zu dieser angeblichen Rationalität bzw. quasi Wissenschaftlichkeit von Menschenrechten, die in vielen Köpfen herumspukt, ist zweierlei zu sagen:

Erstens handelt es sich bei Menschenrechten keineswegs um philosophisch wie rechtlich gleichsam „bewiesene Tatsachen“. Vielmehr haben wir es hier letztlich mit bloßen Setzungen (bzw. mit Destillaten aus anthropozentrischen Weltanschauungen) zu tun. Mehr noch: Die Begriffe, mit denen im Zuzsammenhang mit Menschenrechten operiert wird, sind geradezu Musterfälle von Vagheit und Beliebigkeit. Man denke nur an den Begriff der Menschenwürde. So viele Bücher über Menschenwürde man auch lesen mag, man wird nie dahinterkommen, was darunter nun eigentlich zu verstehen ist. Das einzige, was sich über die Menschenwürde in Erfahrung bringen läßt, ist, daß sie „unantastbar“ sei – eine nicht eben reiche Ausbeute!

Zweitens wird im Zusammenhang mit Menschen- und Tierrechten mit zweierlei Maß gemessen: Obwohl es sich bei Menschenrechten, wie gesagt, um bloße Setzungen handelt, die obendrein mit völlig nebulosen Begriffen formuliert werden, besitzt man die Frechheit, bei Tierrechten klare Begriffe und strikte Ableitungen zu fordern. Also: großzügige oder überhaupt keine Kriterien für Menschenrechte, aber – als Ausgleich sozusagen – umso strengere Kriterien für Tierrechte.

Diese Doppelmoral im Umgang mit Menschen und Tieren hat System. Ein Beispiel aus einem anderen Bereich. Geht es um das Wohl von Menschen, begnügen wir uns mit Wahrscheinlichkeit, geht es um das Wohl von Tieren, fordern wir Sicherheit: Tierversuche werden damit gerechtfertigt, daß ihre Ergebnisse wahrscheinlich auf den Menschen übertragbar sind. Verbesserungen in den Lebensbedingungen von Tieren werden hingegen häufig mit dem Hinweis abgelehnt, daß nicht sicher sei, daß sie leiden. Diese Doppelmoral im schlechtesten Sinne des Wortes ist weder logisch noch ethisch in irgendeiner Weise zu rechtfertigen. Das sind billige und schäbige Taschenspielertricks.

Damit keine Mißverständnisse entstehen: Es sollte lediglich demonstriert werden, daß in bezug auf Menschenrechte und Tierrechte mit zweierlei Maß gemessen wird. Keineswegs sollte hingegen nahegelegt werden, daß Menschenrechte grundsätzlich irrational, geschweige denn überflüssig sind.

Selbstverständlich sind Menschenrechte eine absolute Notwendigkeit – weil nur durch sie ein menschengerechtes, ein menschenwürdiges Leben gewährleistet werden kann. Das gleiche gilt allerdings auch für Tierrechte: Tierrechte sind ebenfalls notwendig, weil nur durch sie erreicht und sichergestellt werden kann, daß auch Tiere ein ihnen gemäßes, ein tiergerechtes, ein tierwürdiges Leben führen können.

„Und worin besteht ein menschen- bzw. tiergerechtes Leben nun eigentlich?“, möchte der eine oder die andere vielleicht wissen. Darauf kann man einfach antworten: Ein menschen- bzw. tiergerechtes Leben ist dann gegeben, wenn Menschen und Tiere so leben können, wie es ihren Interessen entspricht.

Damit erheben sich in bezug auf Tiere zwei mögliche Fragen: Haben Tiere überhaupt Interessen? Und: Können wir diese Interessen auch erkennen? Da ich beide Fragen an anderer Stelle ausführlich behandelt habe, möchte ich mich hier kurz fassen. Dies vor allem auch deshalb, weil diese Fragen zwar philosophisch interessant, aber praktisch letztlich bedeutungslos sind.

Um dies zu erkennen, brauchen wir nur an unseren Hund oder an unsere Katze zu denken. Denen ist es ganz offensichtlich überhaupt nicht egal, wie wir sie behandeln. Vielmehr haben sie ein enormes Interesse, auf eine ganz bestimmte Weise behandelt zu werden. Und wie sie behandelt werden wollen, ist uns auch alles andere als rätselhaft: wir wissen es ganz genau!

Noch deutlicher wird die Überflüssigkeit und Scheinheiligkeit der Fragen „Haben Tiere Interessen?“ und „Können wir diese Interessen erkennen?“, wenn wir an die schrecklichen Filme über Tiertransporte und Tierschlachtungen denken, die wir alle aus dem Fernsehen kennen: Jedem Betrachter ist da sofort und unmittelbar klar, daß diese Behandlung nicht im Interesse der Tiere ist!

Schließlich können wir uns bei diesen Fragen in bezug auf die Interessen von Tieren sogar auf das Tierschutzgesetz berufen: Die – zumindest theoretisch und prinzipiell erhobene – Forderung, die Interessen der Tiere zu berücksichtigen, impliziert notwendig, daß Tiere nicht nur Interessen haben, sondern daß wir diese auch erkennen können!

Soviel zu den theoretischen Fragen „Haben Tiere Interessen?“ und „Können wir diese Interessen auch erkennen?“ Eine ganz andere, praktisch wirklich bedeutsame Frage ist hingegen die folgende: Warum sollen wir den Tieren Rechte zugestehen, damit sie ein ihren Interessen entsprechendes Leben führen können? Schließlich ist es viel bequemer, sich auf den weitestgehend als selbstverständlich empfundenen Standpunkt zu stellen: Tiere haben zwar Interessen und diese können wir auch erkennen, aber wir behandeln sie dennoch so, wie es für uns am angenehmsten ist!

Also: Warum Tieren Rechte zugestehen, wo es sich doch ohne solche Rechte viel einfacher lebt? Darauf kann man nur antworten: Das ist eine Charakterfrage!

Um Wertigkeit und Dimension dieser Frage zu veranschaulichen, wollen wir ein kleines Gedankenexperiment machen: Stellen wir uns vor, daß uns überlegene Außerirdische auf die Welt kommen und uns genau so behandeln, wie wir heute Tiere behandeln. Diese Idee ist im übrigen gar nicht so weit hergeholt, wie es auf den ersten Blick vielleicht den Anschein hat. Bekanntlich werden von seiten der Wissenschaft und Technik ernsthafte Bemühungen unternommen, um intelligentes außerirdisches Leben aufzuspüren. Und daß solche möglicherweise irgendwo im Universum existierende Lebewesen intelligenter als wir sein könnten, ist auch keine besonders absurde Annahme. Man muß durch das ewige Geschwafel vom Menschen als der „Krone der Schöpfung“ schon ziemlich benebelt sein, um allen Ernstes davon überzeugt zu sein, daß wir auf alle Fälle die großartigsten Wesen im ganzen Weltall sind!

Was also wäre, wenn solche intelligente Außerirdische zu uns kämen und uns so behandelten, wie wir Tiere behandeln? Das hieße also zum Beispiel:

  • Sie sperren uns in Zoos, damit sie am Wochenende ihren Kindern diese drolligen Ureinwohner zeigen können. Außerdem, sagen sie, sollen auch künftige Generationen diese merkwürdige Art, die sich einst so größenwahnsinnig auf Erden gebärdete, bestaunen können.
  • Die neuen planetarischen Machthaber führen grausame und schmerzhafte Experimente mit uns durch. Dies bedauern sie zwar inständig und wortreich, aber, so sagen sie, die Versuche seien für den Fortschritt der Wissenschaft nun einmal leider unverzichtbar.
  • Schließlich betreiben die neuen Herrscher auf Erden riesige Farmen, in denen sie uns Menschen für ihre Ernährung züchten. Auf ihren Volksfesten und in ihren Restaurants verspeisen sie uns dann – phantasievoll zubereitet und liebevoll serviert. Dabei gelten ihnen unsere Kinder übrigens als besonders leckere Spezialität. Als Rechtfertigung für ihre barbarischen Eßgewohnheiten haben unsere Peiniger eine atemberaubend einfache Antwort parat: „Ihr schmeckt uns so gut!“ Außerdem entspräche es einer uralten Tradition, Eroberte und Untergebene zu verspeisen.

Was würden wir empfinden, wie würden wir reagieren, wenn dieser Alptraum aller Alpträume Wirklichkeit würde? Vor allem aber: Wie würden wir gegenüber diesen zynischen, brutalen und rücksichtslosen Tyrannen argumentieren, um sie von der Verwerflichkeit ihres Tuns zu überzeugen und zu einem anderen Umgang mit uns zu bewegen?

Wer sich dieses Gedankenexperiment, das, wie gesagt, gar nicht so abwegig ist, ernsthaft, ehrlich und anschaulich vergegenwärtigt, kann sich alle Fragen über Berechtigung und Notwendigkeit von Tierrechten selber beantworten.

Und damit niemand beim Nachdenken über diese Fragen gestört wird, wollen wir es hiermit auch bewenden lassen. Zum Schluß nur noch eine kurze konkrete Frage: Was steht denn der Verwirklichung von Tierrechten eigentlich am meisten entgegen?

Antwort: Das Essen von Tieren. Denn: Jeder, dem gegenüber wir für Tierrechte plädieren, wird – und zwar völlig zurecht! – denken oder sagen: Wenn wir Tiere essen dürfen, dann dürfen wir mit ihnen doch wohl auch sonst machen, was wir wollen! In der Tat: Wenn wir erst einmal innerlich akzeptiert haben, leidensfähige Lebewesen für so banale Zwecke wie unsere Geschmacksvorlieben zu quälen und zu töten, dann akzeptieren wir automatisch auch jede andere, noch so frivole Ausbeutung von Tieren.

Tierrechte und Tiere essen ist ebensowenig vereinbar wie Menschenrechte und Kannibalismus. Deshalb ist der Übergang zu einer veganen Lebensweise der erste Schritt und die notwendige Voraussetzung für die Verwirklichung von Tierrechten.