Ethische Weltformel als moralischer Kompaß

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Ethische Weltformel als moralischer Kompaß

Helmut F. Kaplan

„Was du nicht willst, daß man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu.“ Oder: „Behandle andere so, wie du auch von ihnen behandelt sein willst.“ Allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz funktioniert die Goldene Regel in der Praxis ganz vorzüglich. Ihre Ablehnung beruht meist auf intellektueller Hochnäsigkeit („primitives Prinzip“) oder moralischer Bequemlichkeit: um unangenehmen Konsequenzen für das eigene Handeln aus dem Wege zu gehen.

Tatsache aber ist: Wenn sich alle Menschen an diese Regel hielten, wären augenblicklich 99 Prozent aller Übel, die sich durch moralisches Handeln beseitigen lassen, beseitigt! Und WEIL die Goldene Regel wie die PHYSIKALISCHE WELTFORMEL einen so großen Bereich abdeckt und auf den Punkt bringt, nenne ich sie auch ETHISCHE WELTFORMEL.

Ein beliebter Einwand gegen diese ethische Weltformel lautet, daß sie nicht berücksichtige, daß unterschiedliche Menschen unterschiedliche Interessen haben. Dies führe dazu, daß die Befolgung der Goldenen Regel absurde Konsequenzen zeitige:

  • Wörtlich genommen, fordere die Regel einen Masochisten auf, ein Sadist zu werden: jemandem, der gerne von anderen gequält werden möchte, werde befohlen, andere zu quälen.
  • Wer zu stolz sei, sich helfen zu lassen, dürfte anderen nicht helfen.
  • Der Abstinenzler könnte voller Freude allgemein vorschreiben, daß niemand Wein oder Bier trinken sollte.

Zum Einwand, daß die Goldene Regel oder ethische Weltformel nicht berücksichtige, daß die Menschen unterschiedliche Interessen und Wünsche haben, ist folgendes zu sagen: Erstens unterscheiden sich die Menschen im Hinblick auf die grundlegenden Interessen und Wünsche kaum von einander: Wer will schon belogen, betrogen, beleidigt oder gequält werden! Der Masochist ist zweifellos eine Ausnahme.

Zweitens und vor allem aber: Wo sich die Menschen in ihren Interessen und Wünschen unterscheiden, da berücksichtigen wir dies bei der Anwendung dieser Regel ohnehin automatisch, da alles andere ihrem Geist aufs gröbste widerspräche!

Vor die Frage gestellt, ob ich einem Behinderten beim Überqueren der Straße behilflich sein sollte, ist mein Gedankengang doch nicht: Da ich selbst nicht behindert bin und so weiter, sondern: Wenn ich jetzt an seiner Stelle wäre, würde ich mir wünschen, daß mir geholfen wird! Oder: Wenn ich jemandem mit einer Einladung zum Essen eine Freude bereiten möchte, serviere ich natürlich nicht MEINE, sondern SEINE Lieblingsspeise!

Kurz: Bei der Anwendung der Goldenen Regel geht es SELBSTVERSTÄNDLICH nicht darum, dem anderen die EIGENEN Wünsche aufzuzwingen, sondern darum, die Wünsche des ANDEREN zu berücksichtigen. Sinnvoll und akzeptabel ist deshalb selbstverständlich ausschließlich jenes Verständnis dieser Regel, bei dem man seinen Mitmenschen nicht SEINE eigenen, sondern IHRE eigenen Wünsche, Interessen und Bedürfnisse unterstellt. Die Frage darf also NICHT lauten: Wie würde ich, mit all MEINEN Eigenschaften, an seiner Stelle behandelt werden wollen? Sondern: Wie würde ich, mit all SEINEN Eigenschaften, an seiner Stelle behandelt werden wollen?

Die sinnvolle Formulierung der Goldenen Regel oder ethischen Weltformel lautet also: Behandle andere so, wie du selbst an ihrer Stelle wünschtest behandelt zu werden. Und diese Regel ist für alle, DIE MORALISCH HANDELN WOLLEN, ein ganz hervorragendes und in seiner Wirksamkeit kaum zu überbietendes Mittel, um diese Welt zu einem schöneren, besseren und glücklicheren Ort zu machen!

Der Einwand, dieses Prinzip sei gegenüber Tieren nicht anwendbar, weil wir nicht wüßten, wie Tiere behandelt werden möchten, ist angesichts unseres Wissens um tierliche Interessen und Bedürfnisse faktisch absurd und moralisch verlogen. Wenn wir wollen, wissen wir nämlich sehr genau, wie Tiere behandelt werden möchten. Und vor allem, wie sie NICHT behandelt werden möchten: Daß das Leben, das wir vielen Tieren zumuten, nicht das Leben ist, das sie leben wollen – und das wir an ihrer Stelle leben wollten! -, weiß jeder, der nicht vollkommen verrückt ist.

Das wirkliche Problem bei der Anwendung der Goldenen Regel auf Tiere, genauer: beim Sich-hinein-Versetzen in die Lage der Tiere, ist, daß uns dies so LEICHT gelingt – und daß das Ergebnis oft so schauerlich ist: Wer sich auch nur oberflächlich über das, was auf Tiertransporten, in Tierfabriken, in Schlachthäusern usw. passiert, kundig macht und sich dann seinen Hund oder seine Katze in diesen Situationen vorstellt (quasi als Brücke zum Sich-hinein-Versetzen in andere Tiere), der droht vor Mitleid und Entsetzen verrückt zu werden.

Diese exakte sachliche und emotionale Veranschaulichung, die die Goldene Regel bewerkstelligt, diese Verdichtung moralischer Situationen, dieses Auf-den-Punkt-Bringen moralischer Wertigkeit und moralischer Verantwortung sind wohl auch der häufigste Grund für die Ablehnung dieses Prinzips: Wer sich auf die Goldene Regel, diese ethische Weltformel, einläßt, gerät in moralischen Zugzwang.